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Entwurf.

Minderjährig und rechtelos wird Moritz R mitten in den 1950er Jahren geboren, obwohl die Zeit für ihn noch nicht reif ist. Er ist aber auch nicht reif für die Zeit und so zieht sich seine Entwicklung noch ein paar quälende Jahre dahin. Er isst mit einem Löffel Erde aus dem elterlichen Garten und wird in der Obhut von vier Cousinen zum Forschungsobjekt kindlicher Folterspiele. Sein Vater steht im weissen Kittel im Allgemeinen Krankenhaus von Celle neben einem cremeweiss emaillierten gefährlich brummenden Röntgenapparat. Zuhause malt er bunten Flecken auf Leinwände, man nennt das „Informel”. Moritz selbst zeichnet gern, z.B. selbstausgedachte Autos, selbstausgedachte Fussballsammelalben mit selbstausgedachten Fussballmannschaften aus selbstausgedachten Ländern. Sein kleiner Bruder ist ein analytisch denkender Zerstörer, der die elektrische Eisenbahn auseinandernimmt. Zum Glück kommt 1965 BFBS in das alte Radio, das Moritz von seinem Vater „geerbt” hat. Ohne die „Top 20 Show” wäre Celle nur eine deprimierende Puppenstube mittelalterlicher Fachwerkarchitektur.  Hinter dem Haus wohnen jetzt englische Besatzungssoldaten. Die dürfen aber nicht „fraternisieren”. Ihre Kinder kommen aber doch an den Gartenzaun.

 

Die Eltern verstehen sich nicht. Damit sie die Ehe in Ruhe zerrütten können, wird Moritz im Alter von 12 in ein Internat gesteckt, von dem er zwei Jahre später „fliegt”. Der fortschrittliche pädagogische Ansatz war wohl doch nicht so fortschrittlich. Aber wie so oft hat das Schlechte auch Gutes: ein späterer Weggefährte kommt aus Meinerzhagen. Im Internat wird geraucht, Zauberkarussell und Beat Club gekuckt. Und es gibt viele Schallplatten. Es gibt auch eine Schulband. Moritz streitet mit einem Klassenkameraden über die Frage, was eine gute Band ausmacht. Der Klassenkamerad behauptet: eine gute Band spielt die bekannten Songs so originalgetreu wie möglich nach. Heute gehört dem Klassenkameraden der Hemdenhersteller Van Laack, während Moritz R immer noch zur Miete in Berlin wohnt. Moritz tritt in der Abendandacht auf, wo er auf dem Klavier Flohwalzer spielt und dazu Texte von Robert Gernhard rezitiert.

Nach dem Internat kommt Moritz auf ein weiteres Internat, da die Mutter, die nun das Sorgerecht für drei Kinder hat, erstmal in Düsseldorf eine neue Existenz als Leiterin einer Ballettschule aufbauen muss. Von diesem Internat fliegt Moritz zwar nicht, es wird der Mutter aber nahegelegt, ihn von der Schule zu nehmen. Er ist jetzt 14. Immerhin bringt dieses Jahr in Mannheim wertvolle erste Erlebnisse: den ersten LSD-Trip, das erste Mal Hasch Rauchen, den ersten Kuss mit einem Mädchen und die erste „Freundin”. Moritz wird zum Schulsprecher gewählt, weil die coolen Jungs aus der Oberstufe ihn auf dem Schulhof die „Internationale” pfeifen gehört haben und in ihr Team aufnehmen.

Moritz kommt jetzt zu seiner Mutter nach Düsseldorf. Es fühlt sich für jemanden aus Celle an wie eine Grossstadt. Die Freundin aus Mannheim kommt ihm nachgereist, aber Moritz ist total vernünftig und schickt sie wieder zurück. Idiot! In der Schule wird ein Computerterminal aufgebaut, das über Telefon mit einem Zentralrechner verbunden ist. Moritz R schreibt ein Programm zur Berechnung von Primzahlen, baut aber einen Loop in den Code. Der Rechner spuckt daraufhin endlos Papier aus und der Lehrer schimpft. Vor der Schule wird Moritz von etwas älteren Schülern angequatscht und zur Teilnahme an Veranstaltungen einer kommunistischen Organisation verführt. Das maoistische Mädchen ist sehr sexy. In der Organisation, die sich „Liga gegen den Imperialismus” nennt – wer könnte dagegen schon etwas haben – gibt es viele Künstler, zum Beispiel Jörg Immendorf, ein grosser Mann mit einer tiefen Stimme, der immer schwarz trägt. Die Organisation wird ausschliesslich von Frauen geleitet. Das fällt aber niemandem auf, da man damals noch nicht in Geschlechter-Kategorien denkt. Moritz muss seine künstlerische Kreativität in den Dienst des Proletariats stellen – obwohl es in der „Liga” gar keine Proletarier gibt. Er zeichnet geballte Fäuste, Maschinenpistolen, goldene Sterne, Hammer, Sicheln und viele viele rote Fahnen.


In München fliegt Moritz wieder von der Schule und beschliesst, auf eine Fachoberschule für Gestaltung zu gehen. Er wohnt mit seiner Cousine zusammen und gemeinsam fahren sie jeden Morgen mit dem R4 ins ehemalige Olympische Pressezentrum, wo jetzt die Schule untergebracht ist. Dort lernt man all die grafischen Techniken, die schon sehr bald von der technologischen Entwicklung überholt sein werden, aber auch nützliche Dinge. Sein Kunstlehrer ist ein rührender alter Bayer namens Huber, der mit der Klasse nach dem Unterrricht immer ein Lied singt. Sein Kunstgeschichtsunterricht ist Weltklasse, endet aber bei Picasso. Moritz R lernt zeichnen nach der Natur und bekommt so eine bessere Ausbildung als die Studenten der Kunstakademie. An den Akademien lernt man nämlich damals nur, seine Talentlosigkeit hinter einer Art Rätselhaftigkeit zu verbergen. Auch die Münchner Kommunisten haben sich Moritz gekrallt, aber zum letzten Mal. Ein Genosse vom KSV, der – ungewöhnlich für die damalige Zeit – immer mit Anzug und Krawatte auftritt, verteilt vor der FOS Flugblätter. Der Direktor Herr Eldracher ruft die Polizei. Als die Beamten eintreffen, geht der KSVler sofort zu ihnen, deutet auf den Schuldirektor und sagt: „Das ist der Mann!” Die Polizisten wollen daraufhin den Direktor verhaften. Die Schulzeit endet also doch noch versöhnlich, äusserst unterhaltsam und mit einem passablen Abschlusszeugnis, mit nur 2en, bis auf Englisch, wo es zunächst auf eine 1 hinausläuft. Moritz stört sich ästhetisch an diesem Ausreisser und verhaut absichtlich die letzte Englischarbeit, sodass er auch in dem Fach schliesslich eine 2 bekommt.

In München fliegt Moritz wieder von der Schule und beschliesst, auf eine Fachoberschule für Gestaltung zu gehen. Er wohnt mit seiner Cousine zusammen und gemeinsam fahren sie jeden Morgen mit dem R4 ins ehemalige Olympische Pressezentrum, wo jetzt die Schule untergebracht ist. Dort lernt man all die grafischen Techniken, die schon sehr bald von der technologischen Entwicklung überholt sein werden, aber auch nützliche Dinge. Sein Kunstlehrer ist ein rührender alter Bayer namens Huber, der mit der Klasse nach dem Unterrricht immer ein Lied singt. Sein Kunstgeschichtsunterricht ist Weltklasse, endet aber bei Picasso. Moritz R lernt zeichnen nach der Natur und bekommt so eine bessere Ausbildung als die Studenten der Kunstakademie. An den Akademien lernt man nämlich damals nur, seine Talentlosigkeit hinter einer Art Rätselhaftigkeit zu verbergen. Auch die Münchner Kommunisten haben sich Moritz gekrallt, aber zum letzten Mal. Ein Genosse vom KSV, der – ungewöhnlich für die damalige Zeit – immer mit Anzug und Krawatte auftritt, verteilt vor der FOS Flugblätter. Der Direktor Herr Eldracher ruft die Polizei. Als die Beamten eintreffen, geht der KSVler sofort zu ihnen, deutet auf den Schuldirektor und sagt: „Das ist der Mann!” Die Polizisten wollen daraufhin den Direktor verhaften. Die Schulzeit endet also doch noch versöhnlich, äusserst unterhaltsam und mit einem passablen Abschlusszeugnis, mit nur 2en, bis auf Englisch, wo es zunächst auf eine 1 hinausläuft. Moritz stört sich ästhetisch an diesem Ausreisser und verhaut absichtlich die letzte Englischarbeit, sodass er auch in dem Fach schliesslich eine 2 bekommt. (…)

Und irgendwann wurde es 2019. Herzlich Willkommen auf meiner Webseite!

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©2019 by Anja Gsottschneider & Moritz Reichelt

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